Wenn die Einschlafbegleitung jeden Abend eine Stunde oder noch länger dauert, kann das unglaublich belastend sein. Vielleicht liegst du neben deinem Kind, singst, streichelst, liest noch ein Buch vor und wartest darauf, dass endlich Ruhe einkehrt. Währenddessen wird es immer später, du möchtest selbst Feierabend haben und fragst dich, warum das bei anderen Familien so viel schneller geht. Mir ging es bei meinem ersten Kind jedenfalls so und ich war ziemlich überfordert mit der Situation, weil ich so vieles damals noch nicht wusste.
Die gute Nachricht zuerst: Eine lange Einschlafbegleitung bedeutet nicht, dass etwas nicht stimmt. Viele Kinder brauchen deutlich länger zum Einschlafen als andere. Entscheidend ist die Frage, warum das so ist.
Wie lange dauert das Einschlafen normalerweise?
Es gibt keine feste Zeit, nach der ein Kind eingeschlafen sein muss. Manche Kinder schlafen innerhalb weniger Minuten ein. Andere brauchen regelmäßig 30, 45 oder 60 Minuten – oder sogar noch länger.
Die Dauer allein sagt noch wenig aus. Viel wichtiger ist, wie das Einschlafen abläuft. Wirkt dein Kind entspannt und kommt langsam zur Ruhe? Oder wirkt es unruhig, aufgedreht, ängstlich oder kämpft regelrecht gegen den Schlaf an?
Warum dauert das Einschlafen manchmal so lange?
Hinter einer langen Einschlafbegleitung können ganz unterschiedliche Ursachen stecken.
Dieselbe Situation, unterschiedliche Ursachen
Zwei Kinder brauchen jeweils eine Stunde zum Einschlafen. Das eine ist noch gar nicht müde. Das andere ist völlig überreizt. Ein drittes verarbeitet erst jetzt die Erlebnisse des Tages. Von außen sieht es gleich aus, der Grund dahinter kann ein völlig anderer sein.
Dein Kind ist noch gar nicht müde
Manchmal wird ein Kind einfach zu früh ins Bett gebracht. Es ist zwar Abend, der Schlafdruck reicht aber noch nicht aus. Dann wird gekuschelt, erzählt, gesungen und trotzdem schläft das Kind nicht ein.
Jeden Abend beginnt ihr um 19 Uhr mit dem Zubettgehen. Ihr lest ein Buch, kuschelt und macht das Licht aus. Trotzdem erzählt dein Kind noch 45 Minuten lang, steht immer wieder auf oder möchte noch etwas trinken. An Tagen, an denen ihr erst um 19:45 Uhr ins Bett geht, schläft es innerhalb von zehn Minuten ein.
Dein Kind ist übermüdet
Das klingt zunächst widersprüchlich. Manche Kinder finden gerade dann besonders schwer in den Schlaf, wenn sie bereits über ihre Belastungsgrenze hinaus sind. Ihr Nervensystem bleibt im Alarmmodus und das Abschalten fällt schwer.
An Tagen, an denen dein Kind den Mittagsschlaf ausgelassen hat oder besonders lange unterwegs war, wirkt es am Abend völlig erschöpft. Du denkst, heute wird es bestimmt sofort einschlafen. Stattdessen wird es immer unruhiger, kichert, springt noch einmal aus dem Bett, weint wegen Kleinigkeiten oder findet einfach nicht in den Schlaf.
Der Tag war voller Eindrücke
Kinder verarbeiten Erlebnisse häufig erst am Abend so richtig. Neue Erfahrungen, Streit mit Geschwistern, aufregende Ausflüge oder ein voller Kindergartentag können dazu führen, dass das Gehirn noch lange beschäftigt ist.
Besonders gefühlsstarke Kinder brauchen mehr Zeit und Unterstützung, um die vielen Eindrücke eines Tages zu sortieren.
Nach einem Kindergeburtstag braucht dein Kind fast zwei Stunden zum Einschlafen. Es wälzt sich hin und her, redet viel und wirkt gleichzeitig völlig erschöpft. An ruhigen Tagen geht das Einschlafen deutlich schneller.
Dein Kind braucht viel Nähe
Nicht jedes Kind kann sich gleich gut selbst beruhigen. Manche brauchen beim Einschlafen viel Körperkontakt, Sicherheit und Co-Regulation. Das ist keine schlechte Angewohnheit und auch kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch gemacht hast. Kinder sind da einfach unterschiedlich.
Sobald du aufstehst, setzt sich dein Kind wieder auf oder ruft nach dir. Bleibst du ruhig neben ihm liegen und hältst seine Hand, schläft es nach einiger Zeit ein.
Das Temperament spielt eine Rolle
Kinder unterscheiden sich von Geburt an. Manche sind gelassen und schlafen fast überall ein. Andere reagieren empfindlicher auf Veränderungen, nehmen Reize intensiver wahr oder brauchen grundsätzlich mehr Zeit, um von der Aktivität in die Ruhe zu finden. Es gibt keine Einschlafmethode, die für alle Kinder gleichermaßen funktioniert.
Während das Geschwisterkind nach fünf Minuten schläft, braucht dein anderes Kind vielleicht jeden Abend fast eine Stunde. Obwohl beide denselben Tagesablauf haben, unterscheiden sie sich deutlich darin, wie schnell sie zur Ruhe finden.
Warum allgemeine Schlaftipps häufig enttäuschen
Vielleicht hast du schon gehört, dass ein bestimmtes Abendritual, eine frühere Bettzeit oder mehr Bewegung tagsüber helfen sollen. Solche Tipps können sinnvoll sein. Sie lösen das Problem jedoch nicht automatisch. Denn dieselbe Schwierigkeit kann völlig unterschiedliche Ursachen haben. Ein Kind ist noch nicht müde. Ein anderes ist völlig überreizt. Ein drittes braucht vor allem emotionale Sicherheit. Obwohl alle lange zum Einschlafen brauchen, benötigen sie unterschiedliche Unterstützung. Deshalb fühlen sich viele Eltern nach allgemeinen Schlafratgebern enttäuscht. Sie setzen die empfohlenen Tipps um und trotzdem verändert sich kaum etwas.
Was du selbst beobachten kannst
Bevor du versuchst, möglichst viele neue Strategien auszuprobieren, schau doch einmal ganz genau auf eure Situation. Frag dich zum Beispiel:
- Ist mein Kind beim Zubettgehen wirklich müde?
- Wirkt es eher ruhig oder aufgedreht?
- Gab es heute besonders viele Eindrücke?
- Verändert sich die Einschlafdauer an ruhigen Tagen?
- Braucht mein Kind vor allem Nähe oder scheint es noch voller Energie zu sein?
Diese Beobachtungen liefern oft gute Hinweise.
Wann lohnt sich Unterstützung?
Wenn die Einschlafbegleitung regelmäßig sehr lange dauert, eure Abende stark belastet oder ihr schon vieles ausprobiert habt, kann eine individuelle Beratung sinnvoll sein. Nicht, weil es den einen Trick gibt, der jedes Kind innerhalb weniger Minuten einschlafen lässt (schön wär´s!), sondern weil sich gemeinsam leichter erkennen lässt, welche Faktoren bei genau deinem Kind eine Rolle spielen. Erst wenn die Ursache klar wird, können Veränderungen angegangen werden, die wirklich zu euch und eurem Kind passen.
Hinter demselben Verhalten können ganz unterschiedliche Ursachen stecken. Der erste Schritt besteht deshalb nicht darin, möglichst viele neue Tipps auszuprobieren. Viel hilfreicher ist es, zu verstehen, was dein Kind gerade braucht. Wenn du den Eindruck hast, dass eure Abende dauerhaft anstrengend sind und du dir eine individuelle Einschätzung wünschst, unterstütze ich euch gerne in einer Beratung. Gemeinsam schauen wir, warum das Einschlafen bei deinem Kind so lange dauert und welche Veränderungen für eure Familie sinnvoll sein können.



